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Konzept und Prinzipien des Yuseido

Konzept und Prinzipien des Yuseido

 

Ausgangsbasis

Kampfprinzipien

Kraftprinzipien

Weitere Merkmale im Yuseido

Die Kampfdistanzen

Ist Technik allein ausreichend?

 

 

Ausgangsbasis

 

Kampfkünste sind für schwache Leute „erfunden“ worden. Große, starke Menschen werden naturgemäß selten Opfer einer Schlägerei. Auch ein „Schläger“ will das Risiko für sich so gering wie möglich halten. Er will nur seinen Spaß – ohne Zweifel ein zweifelhaftes Vergnügen. Er wählt sich seine Opfer, sowie Ort und Zeitpunkt des Übergriffs sorgfältig (wenn auch oft unbewusst) aus. Dadurch ist der Verteidiger immer in einer nachteiligen Position.

 

Yuseido soll dem Verteidiger helfen, aus seinen Möglichkeiten das Beste zu machen. Sicher beginnt Selbstverteidigung nicht erst in dem Moment, in dem sich der Gegner mit geballten Fäusten oder gar mit Waffen in den Händen gegenüber steht. Selbstverteidigung ist mehr! Selbstbewusstes Auftreten, nicht zuletzt durch das Wissen, sich verteidigen zu können und vorausschauendes Handeln sind zwei der Eckpfeiler.

 

Vermeidung?

 

Man kann vielleicht viele Orte meiden, von denen man weiß, dass dort Ärger vorprogrammiert ist. Aber erstens weiß man das nicht immer vorher und zweitens geht das nur solange in Ordnung, wie die eigene Lebensqualität durch das Vermeiden nicht eingeschränkt wird. Auf nächtliche Besuche in verrauchten Kneipen kann man ja noch gerne verzichten, Lebensqualität will definiert sein…

 

Flucht?

 

Wenn man in eine brenzlige Situation gerät, ist das beste was man tun kann, den Ort der Gefahr so schnell wie möglich zu verlassen. Flucht ist keine Schande, sondern ein Zeichen von Klugheit und Vernunft. Oft ist das, was als Mut angesehen wird, nicht mehr als einfach nur Dummheit gewesen.

 

Deeskalation?

 

Als nächstes kann und sollte man natürlich versuchen, die Situation zu deeskalieren, d.h. den Angreifer besänftigen, einschüchtern oder auf andere Art und Weise von seinem Vorhaben abzubringen. In diese Phase fällt auch das Aufmerksammachen von zeugen, das Demonstrieren des Unwillens zu kämpfen, um so eindeutig klarzustellen, wer hier der Aggressor war. Später ist es dafür wahrscheinlich zu spät. Aber angenommen, wir haben einfach Pech gehabt und die bevorstehende Schlägerei ist Unausweichlich.

 

Was nun?

 

Was tun wir? Es gibt folgende Möglichkeiten:

 

                        a: Wir greifen (im richtigen Moment) als erster an.

                        b: Wir lassen den Gegner zuerst angreifen und reagieren dann.

 

Da wir unseren Gegner in irgendeiner Hinsicht (Körpergewicht, Kraft, Schnelligkeit…) wahrscheinlich unterlegen sind, wie oben bereits ausgeführt, werden wir die größte Chance mit Methode „a“ haben. Dies ist auch die von Yuseido bevorzugte Variante. Das mag unschön, gemein und wie auch immer erscheinen, aber in einem realistischen Kampf gibt es Dinge wie Fairness, Respekt und Zurückhaltung nicht. Der Gegner wird uns nicht verschonen, wenn wir nach dem ersten Schlag zusammenbrechen. Es werden weitere Tritte zu Kopf und Körper folgen, bis wir uns nicht mehr rühren. Hoffe nicht auf die Gnade des Gegners!

 

Das Ziel der Selbstverteidigung ist das Vermeiden von Schlägereien.

Wenn man jedoch kämpfen muss, dann muss man auch gewinnen!

 

Zwar schränkt der Notwehrparagraph des Strafgesetzbuches die Handlungsmöglichkeiten ein, aber der Schutz des eigenen Leben und das Leben derer die man liebt, sollte uneingeschränkt vorgehen. Dies soll jedoch keine Aufforderung zur Notwehrüberschreitung sein. Wenn ein Schlag ausreicht, den Angriff zu beenden – ok. Wenn man selbst diesen Schlag nicht braucht, umso besser.

Über das Notwehrrecht findet ihr im Internet eine Reihe von Seiten.

 

Abwehren?

 

Wenn wir uns auf Methode „b“ verlassen, dann müssen wir reagieren. Und das hat so seine Tücken. Das Auge kann sehr schnell aufeinanderfolgende Bewegungen nur sehr schwer unterscheiden. Bei einem aus der nahen Distanz ansatzlos geschlagener Fauststoß hat man selbst oder auch der beste Boxer  keine Chance, irgendeine Bewegung einzuleiten. Eine Abwehr schon gar nicht! Denn dazu müsste man erst erkennen was für ein Angriff (Gerade, Schwinger…) auf welcher Höhe (Kopf, Bauch…) in welcher Geschwindigkeit auf einen zukommt. Der Weg vom Auge zum Gehirn und zurück zu den Muskeln ist einfach zu lang. Deshalb ist das optische Erkennen eines Angriffes in der Nahdistanz zum Selbstschutz ungeeignet. Genau dies Distanz ist die risikoreichste Distanz in einem Kampf ohne Regeln, da alle möglichen Gliedmaßen ansatzlos zum Angriff eingesetzt werden können. Deshalb ist der Kampf in dieser Distanz  ein Haupttrainingsinhalt im Yuseido.

 

Ring und Straße

 

Man fragt sich vielleicht, wie denn Boxer die Schläge abwehren können. Wenn man jedoch einen Boxkampf aufmerksam verfolgt, stellt man fest, dass sich die Kontrahenten meist nicht in Reichweite der Fäuste des Gegners aufhalten, sondern immer einen Schritt außerhalb (also nicht in der Nahdistanz). Auf diese Weise bleibt etwas mehr Zeit zu reagieren, wenn der Gegner einen Fauststoß (mit einem Schritt oder Sprung) einleitet. Nach einzelnen Schlägen und Kombinationen zieht sich der Boxer jedoch möglichst immer wieder schnell aus der Kampfdistanz zurück. Im Boxkampf ist diese Methode sehr praktikabel, da die Kämpfer Boxhandschuhe tragen und die Anzahl der Bewegungen durch ein Regelwerk begrenzt ist. Aber selbst in dieser Distanz ist eine aktive Abwehr kaum möglich, wie man in jedem Boxkampf sehen kann. Hauptbestandteil der Boxabwehr sind Meidbewegungen und passive Blocks mit Schultern und Handschuhen (Schildwirkung). In der Nahdistanz gewinnt dann oft der, der mehr einstecken kann.

 

In einem typischen Straßenkampf kommen jedoch auch Techniken zum Einsatz die denen jeder Treffer kampfentscheidend sein kann. Fingerstiche zu den Augen, Ellebogen-/Kniestöße, Angriffe zum Hals und unter der Gürtellinie usw. „Auf der Straße gibt es kein Regeln.“ Man kann nicht behaupten, dass das Boxen oder andere Kampfsportarten nicht zur Selbstverteidigung geeignet wären. Gerade Boxer sind in vielen Augen  die Sportler mit der besten (Allround-) Kondition und haben dadurch erhebliche Vorteile gegenüber einem „normalen“ Straßenschläger. Aber Boxen ist in erster Linie ein Sport, nicht mehr und nicht weniger.

 

Zusammenfassung

 

Die wichtigen Probleme eines realistischen Kampfes sind grob gesagt: Der Gegner macht was „ER“ will. Man selbst weiß nicht was er vor hat, er ist wahrscheinlich stärker.

 

Yuseido löst dieses Probleme auf eine sehr effektive, jedoch auch übungsintensive Art und Weise: durch Methode „a“! Angriff alleine macht jedoch noch kein gutes Kampfsystem aus. Ohne Eigendeckung kann man keinen Kampf gewinnen. Genauer wird die Yuseido - Lösung durch die nachfolgend genannten Kampf- und Kraftprinzipien bestimmt. Alle Yuseido – Techniken folgen diesen Prinzipien, die Einzeltechnik ist immer dem Ganzen untergeordnet. Dadurch wird die Methode „Angriff“ zu einem in sich geschlossenen System Aus Angriff und Abwehr.

 

Es gibt ein chinesisches Motto welches übersetzt bedeutet: „Die Faust kennt keine Manieren“. Das bedeutet, man darf nicht höflich sein, d.h. dem Gegner nicht den Vortritt lassen. Wir sollten uns darüber klar sein, dass der erste Schlag, sowohl der letzte und einzige Schlag eines Kampfes sein könnte. Im Kampf darf man nicht warten, bis der Gegner angreift, deswegen: Greife also an, sobald du weißt, das der Gegner die Absicht hat, anzugreifen und dass dein Leben in Gefahr ist.

 

Trotzdem nie vergessen: Gewaltanwendung – Soviel wie nötig, so wenig wie möglich.

 

 

 

Yuseido - Kampfprinzipien

 

 

Das Yuseido – Oberprinzip lautet: Druck nach vorne. Dieses kann man unterteilen in vier Kampfprinzipien:

 

1.      Ist der Weg frei, stoße vor.

2.      Stößt du auf Widerstand, bleib kleben.

3.      Gib nach, wenn der Gegner stärker drückt.

4.      Folge, wenn der Gegner sich zurückzieht.

 

Erstes Prinzip:

Der Yuseido – Kämpfer geht zum Angriff über, sobald der Gegner einen bestimmten Abstand unterschreitet. Der Angriff wird entlang der Zentrallinie geführt und kann mit einem gleichzeitigen Tritt zum Knie kombiniert werden. Optimal ist es, wenn der Gegner Kampfentscheidend getroffen wird, bevor er irgendwelche Gegenmaßnehmen einleiten kann.

 

Zweites Prinzip:

Der in die Defensive gedrängte Gegner hat nur wenige Möglichkeiten. Er kann versuchen, selbst anzugreifen oder den Angriff zu blocken, er kann ausweichen oder zurückweichen. Wenn der Gegner blockt oder selbst angreift, dann ist es wahrscheinlich, dass er dadurch Kontakt zu den Armen des Yuseido – Kämpfers herstellt. Durch das Chi-Sao – Training kann der Yuseido – Kämpfer diesen Umstand für sich nutzen, die Arme des Gegners effektiv  zu kontrollieren (kleben) und ohne nachzudenken jede noch so kleine Lücke in der Verteidigung des Gegners ausnutzen.

 

Drittes Prinzip:

Ist der Gegner schwächer als der Yuseido – Kämpfer, dann werden wir seine Angriffe an der keilförmigen Positionierung der Arme nach innen oder außen gedrängt, während der Yuseido – Kämpfer treffen kann. Ist er jedoch stärker, dann leistet man keinen Widerstand, sondern nimmt die Kraft des Gegners in einer nachgegebenen Verformung auf und verwendet die Kraft des Gegners gegen ihn selbst.

 

Viertes Prinzip:

 

Wenn der Gegner sich zurückzieht, lässt man nicht zu, dass er die Distanz vergrößert. Man bleibt am Mann und greift ununterbrochen weiter an. Hat der Yuseido – Kämpfer Kontakt zu den Armen des Gegners und dieser zieht sie zurück (z.B. um neu Auszuholen), dann dringt der Yuseido – Kämpfer sofort in den gewonnenen Raum vor. Dem Gegner werden dadurch quasi die Arme an den Leib gepresst.

 

 

 

Yuseido – Kraftprinzipien

 

Die vier Kraftprinzipien kann man einmal als Anweisung verstehen, in welcher Reihenfolge Yuseido zu lernen ist. Daneben bieten sie jedoch auch Anhaltspunkte für die korrekte Ausführung einer Technik. Die heißen:

 

1.      Mach dich frei von deiner eigenen Kraft.

2.      Mache dich frei von der Kraft des Gegners.

3.      Verwende die Kraft des Gegners gegen ihn.

4.      Füge der gegnerischen Kraft deine eigene hinzu

 

Wenn man Yuseido richtig lernen möchte, muss man zunächst mal lernen auf seine eigene Kraft zu verzichten. Mit Kraft würde oft nur ein Mangel an Technik ausgeglichen werden. Man muss lernen jeden Muskel seines Körpers zu entspannen. Verkrampfungen behindern die Schnelligkeit der Bewegungen und stellen eine große Energieverschwendung dar. Die Yuseido – Formen sind nicht zuletzt Bestandteil unseres Systems damit der Übende sich und die Möglichkeiten seines Körpers besser kennenlernen kann und ein Gespür für die scheinbar einfachen Bewegungen zu bekommen.

 

 

 

Einige weitere Merkmale des Yuseido

 

  • Ökonomie der Bewegung. Es gibt keine überflüssigen oder einfach nur schönen Bewegungen. Wenn ein Fauststoß reicht, macht man nicht auch noch eine weitere Abwehrbewegung dazu. Grundmotto: Weniger ist mehr oder so viel wie nötig aber so wenig wie möglich.

 

  • Zentrallinienprinzip: Vereinfacht bedeutet dieses Prinzip, dass man seine Körpermitte mit den eigenen Armen besetzt und auf dem Gegner frontal ausgerichtet hält. Dadurch hat man den kürzesten Weg zum Ziel, während der Gegner den Umweg außen herum nehmen muss. Bei gleicher Schlaggeschwindigkeit trifft der eigene Schlag also vor dem des Gegner. Die Arme des Gegners werden nach innen oder außen abgeleitet (Keilprinzip).

 

  • Frontale Kampfweise und gedecktes Vorgehen. Nur durch die frontale Kampfstellung kann der Yuseido – Kämpfer beide Arme vollwertig zu Angriff und Verteidigung nutzen.

 

  • Angriff und Abwehr sind eins. Jede Angriffstechnik beinhaltet bestimmte Charakteristiken, die auch zur Abwehr dienen können. Während ein Arm abwehrt, führt der andere Arm unmittelbar den Gegenangriff.

 

  • Ansatzloses Stoßen und Treten. Ausholen ist eine Todsünde beim Yuseido. Dies würde dem Gegner den Angriff und die Abwehr erleichtern.

 

  • Spontanes Reagieren im Kampf, es gibt keinen vorher festgelegten Bewegungsablauf.

 

  • Logische Betrachtung von Technik, Taktik und Strategie des Kampfes.

 

 

 

 

 

 

§ 32 StGB: Notwehr

1 Wer eine Tat begeht, die durch Notwehr geboten ist, handelt nicht rechtswidrig.
2 Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden.

...erforderlich... ist diejenige Verteidigung, die eine sofortige Beendigung des Angriffs erwarten lässt. Bei mehreren Möglichkeiten muss man den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit beachten und das mildeste Mittel einsetzen.

...gegenwärtig... bedeutet, dass Notwehr nur möglich ist, solange der Angreifer aktiv ist. Wer erst Hilfe holt oder sich Mut antrinkt, bevor er zurückschlägt, begeht selbst eine Straftat.

...rechtswidrig... bedeutet, dass der Angreifer eine Straftat begehen muss. Wenn aber Gerichtsvollzieher oder Polizeibeamte „ihres Amtes walten", dann handeln sie rechtmäßig und Gegenwehr gilt als Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte (§ 113 StGB).

...von sich und anderen... bedeutet, dass man auch anderen Personen, die sich in Notwehr verteidigen, helfen darf, in der Regel sogar helfen muss (s. § 323 StGB: Unterlassene Hilfeleistung)

Missbrauch des Notwehrrechts: Wenn ein Gehbehinderter mit seinem Stock zuschlägt, genügen in aller Regel ein paar große Schritte. Wer hier den Gehbehinderten verprügelt, macht sich selbst strafbar. Bei Kindern oder schuldlos handelnden (Kranke, Betrunkene) darf man sich nur unter größtmöglicher Schonung des Angreifers wehren, hier gibt es juristisch keine Entschuldigung für unnötige Gegenwehr.